© by Sebastian Löwe
Ach du Schande, wo ist das Klo? Platz da. Mein Essen, habt Ihr das eingepackt? *schrei* Wo sind gleich die Socken? Wetter? Ach ja, Badehosen. Mist, verdammter. Geht die Hose als Ersatz? Ja sicher kann ich’s allein. Macht ruhig Euer Zeug. Mir egal. Video? Quark, sowas hat doch der Busfahrer …
Abfahrt! Habt Ihr mein Zeug? Gut. Schlüssel nicht vergessen. Geld? Ausweis? Belehrung? Ächz. Los geht’s.
Halli Hallo, Jubel, Jubel, Freu, Freu. Wer kommt noch mit? Aha. Aha? Aha! N’Abend Herr Prischmann, N’Abend Frau Doktor Kühne, N’Abend Herr – Wo ist Herr Hoffmann? Ach ja, die obligatorischen 5 Minuten.
Wie man später erfuhr, hatte der erst noch seine Kassetten auf die Straße geschmissen. Aber am Ende kam er dann noch halbwegs pünktlich. Also, wer hatte, den Eltern oder Freunden/innen auf (Nimmer?) Wiedersehen gesagt. Tschau, Bye Bye und Macht’s gut! Rührt mein Schulzeug nicht an!
Endlich. Es geht los. Kaum aus der Parklücke raus: “Wann sind wir da?” Der Anfang versprach das, was sich später auf drastische Weise wiederholen sollte. Umwege. Ja sicher ist die A 14 in nächster Nähe. Aber über Großkugeln zu fahren ist auch schön. Noch war alles egal. Man kam, saß und amüsierte sich. Die letzten Reihen in besonderem Maße. Denn: Hinten schien die Freude am Größten zu sein.
Jeder machte sein Ding. Der standardisierte, stundenlang trainierte Griff in die Tasche, um mit 3, manchmal auch 4 schnellen Bewegungen den CD-Player in Betrieb zu nehmen. Es muß so in Höhe Hermsdorfer Kreuz gewesen sein, als sich die erste und einzige 4-Köpfige politische Ecke gebildet hatte. Nach gut 1½ Stunden löste sie sich wieder auf. Das mysteriöse Quartett sollte im späteren Verlauf noch einige gewichtige Rollen spielen.
Die erste Pause. Manch einer hat’s gehofft, alle haben es befürchtet: McDonalds. In irgend einem oberbayrischen Provinznest, kurz vor dem Ende der Welt, aber doch einige Kilometer hinter Hof, sollten wir also unsere Ersparnisse zum allerersten Male erleichtern. Die meisten von uns begnügten sich mit Kaffee, Shakes und dergleichen. Bis auf einen. Der mußte sich unbedingt auf sein Wachkoma vorbereiten und trank Bier. Bis dahin wußte ich nicht, das es sowas bei McDonalds überhaupt gibt. Fahrerwechsel. Was der Alte machte, etwa seine Ersparnisse im nahegelegenen Bordell auf den Kopf hauen, bleibt unklar. Der Neue jedenfalls, Karl-Heinz war wohl sein Name, wollte, sollte, mußte uns nun eine Woche lang begleiten. Mehr haben wir nicht mitbekommen, weil, das viel uns später ein, wir die Mitteldeutsche Sprachgrenze ja überschritten hatten. Tatsächlich, da war doch mal was mit Weißwurstäquator.
Nun ging es jedenfalls weiter. Da der Alte uns verdröstet hatte, zwangen wir Karl-Heinz zur Kooperation. Wir durften “Lost World” angucken. Mist. Hätte ich mal bloß eine Videokassette mitgenommen. Aber hier trüben sich die Erinnerungen schon. Irgendwann waren wir dann in Österreich. Doch 88 Km vor dem Brenner dann irgendwie eine Tiefschlafphase. In Höhe des Gardasees kam ich Stunden später zu mir.
Frier. Alpen im Sommer – schön. Alpen im Winter – noch besser. Alpen bei Nacht – zum Abgewöhnen. Am Meisten störte die Tatsache, das man raus sollte. Also haben wir uns die Vermißtenfotos auf den Kinder-Schokolade Packungen angesehen. HaHa. Sehen die alle so aus? Man überlegt, ob man eigentlich eine Zeitverschiebung hat. Und was nun kommt. Entgegen meiner Erwartung, aber eigentlich dann doch positiv überrascht, hielten wir nicht in Verona, obwohl ja eigentlich jeder gern mal in Verona wäre (Ausnahmen haben die Regel). Freudig witzereißend fuhren wir in den ersten italienischen Tag unserer Reise. Der im übrigen der wärmste werden sollte. Zwar hatte der Bus eine Klimaanlage, das fand Karl-Heinz aber irgendwie erst später heraus.
Nach diversen, nun mit der Zeit langweilig werdenden Zählspielen, die als Ziel die unsinnige Feststellung hatten, daß doch noch alle da waren, kamen wir also irgendwann am Ortsrand von Rimini an.
Nachdem Herr Prischmann angedeutet hatte, das er wisse wo wir hinfahren müßten, schaltete sich der gesamte Apparat der Camel-Trophy erprobten Kartenleser ein. An diesem Tag sind wir wahrscheinlich nach einer Karte von Florenz gefahren, jedenfalls verging eine gute Stunde hin- und herfahrens, rangierens, wendens, auf die Italiener fluchend und am Ende glücklich vor dem Hotel stehend. Das war zwar das falsche, aber wenigstens konnte man hinterher sagen: “Ha, in die Absteige wollten wir ohnehin nicht!”
Nun entschloß sich die Riege derer, die immer überall vorne sitzen mußten und müssen, nicht nach Straßennamen zu fahren wie bisher, sondern nach dem Namen des Hotels. Und tatsächlich kamen wir 10 Minuten und 350 m Luftlinie später da an, wo wir schon vor einer Stunde hätten sein müssen. Erwähnte ich schon, das der Bus 3,45 m hoch war, die Brücke am Ende der relativ engen Straße aber nur 3,20 m?
Gegen 11 Uhr bezogen wir also unsere Zimmer. Nach diversen Unstimmigkeiten und krampfartigen Angstzuständen den Verbleib unserer Ausweise betreffend, wurde also noch rasch abgemacht, sich 19 Uhr in der Lobby zu treffen. Bis dahin war freier Ausgang. Die nun folgende Zeit wurde rasch verplant. Wer genug Energie über die Nacht gebracht hatte, machte sich auf einen Marsch durch das Viertel auf. Nach etlichen Kilometern, von denen wir sicher 99,9% im Kreis gegangen waren, erreichten wir eine Hauptstraße. Mit für 12. Klässler enttäuschend schlechten italienisch Kenntnissen, fragten wir uns in unserer 2. Muttersprache nach einer Wechselstube, Bank oder sowas in der Art durch. Die einen wußten nicht, daß es außerhalb von Italien Menschen gibt, die nächsten hielten “We want to change Money” für irgend eine anrüchige Anmache, andere wiederum lutschten am Nuckel. Irgendwann erhielten wir dann die gesuchte Info: “30 m links.” (natürlich in gebrochenen italo-englischen Deutsch). Nach 30 m fragten wir wieder, das wiederholte sich so 5 bis 6 Mal. Dann hatten wir die Bank und, soviel Glück hatten wir gar nicht erwartet, einen Supermarkt daneben. Also gleich mit verachtungswürdigen alkoholischen Genußmitteln der billigsten Sorte eingedeckt und ab ins Hotel. Dieser Gang gestaltete sich ähnlich kompliziert wie der Hinweg, nur mit schwereren Rucksäcken auf dem Kreuz.
Zurück im Hotel wurde erstmal ordentlich abgegrunzt. Am Abend sollte die Gesamtschlafzeit bisher 8 Stunden betragen. Natürlich mit mathematischer Genauigkeit gerundet.
In der Lobby, neben quietsch vergnügt quäckenden Superman bzw. Lotus Spielautomaten aus der Zeit von vor dem Vietnamkrieg versammelt, begrüßte uns der Hotelmanager bei einem Glas, nein, Becher O-Saft. Juilberto muß man sich wie den Trapper Toni vorstellen, nur mit noch schlechteren Deutschkenntnissen. Was er sagte blieb uns im großen und ganzen ca. 5 Minuten im Kopf. Einzig die Worte: “Ich wollen nicht machen Befehlung sondern Empfehlung.” blieben hängen.
Abendbrot. Die Einrichtung erinnert, wie der Rest auch, an das FDGB Ferienheim “Lenin” in der sozialistischen Pampa. Es gab Nudeln. Salz wurde wie gewöhnlich nicht verschwendet. Zum Hauptgang dann Fleisch, was irgendwie unerkannt bleiben wollte, drei Erbsen für jeden und eine Kartoffel, um die mit stumpfen Messern gekämpft werden mußte. Erträglich, aber wir waren ja auch nicht zum Essen hergekommen.
Später am Abend rekapitulierten wir bei dem zuvor am Nachmittag erworbenen Bier, daß man diese Gegend überhaupt nicht mit Piraten oder Notré Dame assoziieren könnte. Man saß auf dem Balkon, rauchte, trank, es wurde auch etwas von rituellen Opfergaben am Strand gemunkelt. Irgendwann zwischen 1 und 2, die Streichhölzer zwischen den Liedern waren längst gebrochen, packten wir uns nach und nach hin. Die einen im eigenen Bett, die anderen nicht.
Nach einem Frühstück, das ähnlich viel Abwechslung bot wie die Wahlwerbesendungen der CDU (und/oder vieler/jeder anderen Partei/en), setzten wir uns in den Bus nach San Marino. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt durch Rimini ging es los. Manch einer verlor in der Stunde Fahrt wieder das Bewußtsein…
Nun stelle man sich vor, es gäbe einen Punkt. Und die Parkplätze lägen asynchron darum verteilt. Jeder würde versuchen, den zu ergattern, der am nächsten am Ziel liegt. Wir nicht. So nahmen wir also den Parkplatz, der am weitesten entfernt lag. Einen Parkplatz weiter, und wir wären wieder in Rimini gewesen. Irgend ein Leerkörper, deren exquisite Kartenlesefähigkeiten ich hier erneut hervorheben möchte, entschied also, das man sich halb vier Uhr nachmittags wieder am Bus zu treffen habe. Also liefen wir in zig kleinen Grüppchen los, unser Glück zu suchen. Durch alle möglichen Arten von Tabak- und Schnapslädchen, Waffen- und Schmuckgeschäften und allerlei anderen Touristischen Attraktionen bahnten wir uns den Weg zu den Zinnen. Witzig war vor allem der Bobby-Verschnitt, der stillstehen sollte aber andauernd mit den Augen zuckte, die Verzweiflung angesichts des nicht entdeckbaren Formel 1 Rennkurses und die Geschichte mit der Sicherheit.
Das war ohnehin die Überraschung schlechthin. Während man in Deutschland vor jeder Treppenstufe ein Warnschild findet, und angesichts eines Findlings auf dem Feld einen Zaun um selbiges baut, sind touristensichernde Maßnahmen dort gänzlich unbekannt. Nach einer durch Neugier vorangetriebenen Klettertour standen Tim und ich plötzlich vor einem Abgrund. Die tatsächliche Tiefe blieb unbekannt, allerdings haben wir einen Stein runterfallen lassen. Nach 2 Minuten geräuchlosen Wartens gingen wir dann. Als wir selbige Wand später von unten sahen, haben wir das obere Ende nicht gesehen. Ich schätze es waren 200 bis 300 Meter. Schlotternden Knies suchten wir was zu spachteln.
Als die Zeiger dann auf halb 3 zuliefen besorgten wir uns noch ordentlichen Rauschstoff für den Abend. Mit diesem wertvollem Gepäck machten wir uns auf zum Bus. Unterwegs fanden wir noch Platz auf 3 Klassenfotos und 7845 Fotos liebenswürdiger japanischer Mitmenschen.
Am Gefährt angekommen wohnten wir der Entjungferung einer Armbanduhr bei. Der Busfahrer meinte, er habe heute über die Verhältnisse gelebt. Der altbewährte Wecker wanderte nach über 15 Jahren treuen, ergebenen Dienstes in die Schachtel.
Als dann alle genug Rotationsgewehre in den Händen gehalten hatten, bzw. eben andere Sachen erledigt hatten, ging es wieder zurück.
Der geschulte Leser ahnt was kommt: Die Karte von Rimini wurde diesmal verkehrt herum gehalten. Nach unterhaltsamer Suche kamen wir im Hotel an.
Händeringend versuchten die (Briefkasten-?) Lehrer uns zur Weiterfahrt ins Italien in Minatur zu überreden, aber die, die sich diesen kulturellen Höhepunkt vor 2 Jahren angetan hatten, hielten den Rest mit Erfolg fern. Bis zum Abendmahle hingen wir rum, tranken alles mögliche, badeten und taten, was man sonst eben nicht tat…
Nach dem Essen, diesmal ein klitzekleinwenig umfangreicher als am Tag zuvor, zog es einige in die Disko, und einige trotteten mit. Auf der Hinfahrt, ich schätze es waren so 15 bis 20 Leute in dem Minibus (eine Reihe sitzt, darauf sitzt wiederum noch eine, und darauf lag eine) ließen wir Stefan von der Leine, der den Busfahrer gleich mit seiner lacherprobten Ex-Bayern-Trainer-Imitation belabberte, der wohl leider ein völlig falsches Bild von uns bekommmen hat. Glücklicherweise kamen wir an, als Stefan gerade erklären wollte, warum es in Deutschland 80 Millionen Fußballtrainer gibt.
Wir jedenfalls reingehottet, unsere 2 Freidrinks einkassiert und, die einen mehr, die anderen weniger, ordentlich abgedanct. Stefan wettete dann um eine Flasche tierisch teuren Champagner, das er Herrn Prischmann unter den Tisch saufen kann. Besagter Lehrkörper, der mittlerweile ein Vollkörper war, schlug zwar ein, aber irgendwie wurde daraus am Ende nix. Stefan war besoffen, noch bevor der Hahn eingeschlafen war und schüttete literweise Alkohol und gefährlicher chemischer Verbindung mit Aschenbecherinhalt durch die Botanik. Fröhlich jauchzend und sich über die mitfahrenden Wessies lustigmachend fuhren wir heim. Abgesetzt wurden wir, wie sollte es anders sein, kilometerweit weg von unserem Lieblingsort. Wir irrten also durch die Gegend, kamen irgendwann um 2 Uhr an und legten uns schlafen. Nicht alle. Meine Wenigkeit, Tim und der Rest des Zimmers gurgelten noch gemütlich unseren Whiskey, um dann gegen um 4 für 3½ Stunden in Trance zu verfallen.
Die nunmehr im Schlaf verbrachte Zeit beträgt insgesamt rund 18 Stunden.
Ein unnachgiebiger Herr Hoffmann klopft uns aus den Kojen. Wir wollen nach Assisi. “Wollen” werden wir erst später, aber man ist ja flexibel. Leider ist das der Busfahrer auch. Schon wieder läßt er sich breitschlagen. angesagt waren 1 bis 2 Stunden Fahrt. Über den direkten Umweg durch das Hinterland, Passstraßen und viel zu kleine Tunnel, an Booten vorbei, wo im Umkreis von 100 km kein größerer Fluß zu sein schien, an Wegweisern vorbei, die mal mehr, mal weniger Kilometer bis zum Ziel anzeigten, kamen wir nach 3½ Stunden an. Parkplatz. Von oben nach unten, wieder zurück, Polizei fragen, Straße fürs Umlenken absperren, wieder runter ins Tal. Dann 2 oder 3 Stunden in Assisi. Dort habe wir dann erstmal Geld getauscht, weil die Kohle irgendwie verbrannt war. Nun noch schnell den Kulturteil simulieren. Einmal durch eine Kirche und dann gemütlich rumspazieren.
Assisi ist ja eine tierisch bekannte Touristenattraktion, allerdings nicht bei uns. Assisi. Die einen wollen es irgendwann mal im Homo Faber gelesen haben, andere, besonders die religiösen und gebildeten Typen, assoziierten damit den einen oder anderen Typen aus der christlichen Geschichte. Wie auch immer, die Straßen und Gassen waren nett anzuschauen und im großen und ganzen ordentlich gepflegt, an italienischen Verhältnissen gemessen. Seltsamer Weise gab es dort nicht eine einzige Pizzaria. Die gab es zwar irgendwie doch, aber wenn man eine nach langem und nervenaufreibendem Suchen gefunden hatte, war die – Murphy gehört erhangen – viel zu teuer. Also begnügte man sich größtenteils mit normalen Tiefkühlpizzen oder Pizza-Ecken. Für die Unwissenden: Das ist dasselbe wie beim Brezelbäcker in der Hainstraße! Die kürzlich wegen Baufälligkeit (offiziell war es ein Erdbeben – Ha!) eingestürzte Kirche, war von einem Gerüst umgeben, so das man nichts sehen konnte. Ich schätze der Schmach wollte man sich nicht aussetzten. Wo käme man denn da hin, wenn Touristen den Arbeitern beim Romméspielen zuschauen könnten?
Als Krönung sind wir dann noch auf den Berg mit der Befestigung geklettert. Unterwegs wurde uns zugetragen, das man hintenrum über einen Marlboro-Pfad gratis auf das Gelände kommen könne, allerdings müsse man dazu abschließend eine Freeclimbing Tour in Kauf nehmen. Aber nachdem wir gerochen hatten, wie sich Generationen von Wanderern in den Büschen erleichtert hatten, gingen wir zurück.
Hier wurde uns klar, das es sowas wie Zeit nicht gibt. Ein Olivenbauer begrüßte uns, nachdem er erfragt hatte, daß wir aus Deutschland kommen, mit der oft gehörten und ebenso oft geleugneten Naziparole …
Also trafen wir uns später wieder am Bus, die Rolltreppe am Hang zum Parkplatz funktionierte leider nur nach oben. Schnell nach einen Gecko gefangen und damit eine Aspisviper angelockt, die dann mit einem Handkantenschlag in die ewigen Viehzeuchsgründe geschickt wurde. Mmh. Abendbrot.
Auf diesmal erheblich kürzeren Wegen über Autobahnen und Schnellstraßen nach Rimini. Nach 2 Stunden endlich vor den Toren der Stadt. Nun hörte man in einer Tour das oberbayrische Fluchen über die italienische Verkehrspolitik: “Ja mei, der sieht ja gar nichts, der hat ja die Augen zu” war zwar ein Hammer, konnte aber mit den sonst unverständlichen Kraftausdrücken im dezenten Busfahrerslang nicht mithalten. Als Tim sagte, das wir in einer Stunde daheim seine, lachten wir noch. Aber also der Busfahrer im Einverständnis mit den Lehrern in die historische Innenstadt einbog, nur weil es nicht verboten war, wußten wir, daß es zu spät war. Innerhalb kürzester Zeit standen die Wetten 10:1, das wir mindestens 15 Minuten rangieren müssen. Es wurden 3 mal so viel. Man wartete nur auf den Augenblick, wo es nicht mehr vor oder zurück ging. Erst half uns eine Nonne, dann mußte Andy, nun schon zum 2. Male, raus und gucken. Nach 20 Minuten kamen 3 Motorräder, mit dem Freund und Helfer hinten drauf. Nach 45 Minuten, wie gesagt eine amüsanter als die andere, waren wir frei. Ich glaube im Radio sowas wie eine Verkehrswarnung gehört zu haben, in der Art wie: “Achtung! Alle Verkehrsteilnehmer im Einzugsbereich von Rimini werden gebeten, die Ortslage weiträumig zu umfahren.” Es fehlte nur Hans Meiser im Notruf Helikopter. Denn schlimmsten Befürchtungen nach, sollten wir in 3000 Jahren von Außerirdischen aus dem Pferdekopfnebel ausgebuddelt werden, die sich freilich wunderten, warum alle die Hände um den Hals der Leerkörper gelegt hatten. Fr. Dr. Kühne gestand uns, daß sie als Beifahrer nie die Richtung mit “links” oder “rechts” angeben kann, sondern immer zeigen müsse, wie gefahren werden sollte (man stelle sich vor, was für Unfälle schon passiert sein müssen, nur weil sie wollte, daß man links herum fährt). Dementsprechend fiel der weitere Weg aus, der mindestens 2 Sackgassen und 3 Wende- bzw. Im-Kreis-Fahr-Manöver enthielt. Als man endlich halbwegs bekanntes Terrain befuhr, meinte der Busfahrer großspurig: “In 5 Minut‘n san mar dar”. Nicht minder großspurig hörte man Kommentare wie: “Da halt ich dagegen” oder “Na klar…”. Der Busfahrer wollte gar um 20 Mäuse wetten, aber da man nicht wußte, was für Vorgärten der umackern wollte, ließ man es auf sich beruhen. Wir waren nach 7 (in Worten: sieben) Minuten da.
Schnell noch den Supermarkt gestürmt, ehe der zu machte, diesmal mehr auf die Verpflegung für die Rückreise als den Alkohol bedacht (Was nicht heißen soll, man habe keinen gekauft).
Das zur Gewohnheit gewordene Essen wurde schnell verdrückt, irgendwer stammelte im Hungerwahn etwas vom hohlen Zahn.
Und nun? Strandparty. Gesagt, getan, getrunken. Nach der folgenden Nacht haben wir wohl 24 Stunden Schlaf gehabt.
Wir gingen also, die verrückten zu sehen (oder zu sein), die um diese Zeit noch baden gehen wollten. In der linken eine Flasche und in der rechten noch eine (oder das Handtuch) trotteten wir los. Nach nervenaufreibenden 2, eventl. auch 3 Minuten waren wir bei den Wassertretern am Strand, wo es sich gar vorzüglich aushalten ließ. Ab hier differenzieren sich die Erfahrungen dann in besonderem Maße. Umschreiben läßt sich alles mit trinken, feiern, Blödsinn machen, und sich gelegentlich auch unterhalten. Im linguistischsten aller Sinne. Besonders in die Erinnerung geprägt war sicherlich Stefan Kündigers Interpretation der Trapper-Toni-Rede, die alle Leverkusener wie Schmalzfliegen um einen Topf voll Honig zusammenzog. Wir waren die Könige.
Mehr oder wenige erfolgreich wurden den Damen dann auch die Vorzüge sächsischer Hochkultur nähergebracht, der Strand mußte am, nächsten Morgen sicher planiert werden. Der gute Herr Völker hat zu tief in die Flaschen (Plural!!!) geguckt, und wurde außerdem in das Medium ohne Balken befördert. Freudig erregt soll er sich danach im Sand gewälzt haben. Als wir ihn zum Trockenlegen und Wickeln brachten, gab uns der ebenfalls nicht ganz trockene Busfahrer noch ein Bier aus. Seltsam coole Type. Nun nölte uns noch der Manager an, das er uns die Nacht aus dem Bett zerren werde, wenn es Ärger geben sollte. Stefan verbrachte eine tolle Nacht im Ba… ähmn … Zimmer.
Wieder am Strand wurde uns klar, das 16 Jahre alte Leverkusener, die bereit sind, ihre Mädels zu verkloppen, ganz und gar nicht angenehm sind. Zwar waren einige von uns gegen Schmerz immun, andere hätten sich liebend gerne verhauen lassen doch die Mehrzahl war dann doch schlau genug, sich im Zustand vollkommener Trunkenheit besser nicht auf Raufereien mit westdeutschen Kindsköpfen mit Potenzproblemen und Autoritätsphobie einzulassen. Man zog also seines Weges, lies sich im Hotel vom einzigen Gast außer uns vollscheißen (von wegen “Orgien” und so) und gingen auf Geheiß des, gelinde gesagt, angeheiterten Herrn Hoffmanns auf die Zimmer. Fassadenklettereien und dergleichen können nicht ausgeschlossen werden. Tote gab es zum Glück keine zu beklagen. Ein erlebnisreicher Tag endete zwischen 3 und 4.30 Uhr. Amen.
Gut und gerne 28 Stunden Schlaf. Der kapitale Mangel des, nach dem Alkoholrausch, beliebtesten Zustandes des Menschen (Quelle: Arbeitsamt der Stadt Leipzig), macht sich bemerkbar. Die Raucher haben keine Streichhölzer mehr. Der Rest hatte sowieso keine. Ergo: Raaaaaaaatz. Trotzdem haben wir es irgendwie geschafft, wahrscheinlich mit subdermalen Injektionen oder so, vor um 10 im Bus zu sitzen. Bye Bye Hotel. Tschüssi Strand. Such‘ Such‘ Geldbörse. Nach 20 Minuten sind wir auf der Autostrada. Man freut sich im Traum auf Venedig. Durch temporale Fluktuationen in der 4. Dimension schlaffen wir zeitlich versetzt. Irgendwie erreichen wir Venedig auch lebendig. Warum wir uns diesmal nicht verfahren haben ist unklar. Ich tippe darauf, daß der Busfahrer auch gepennt hat.
Glatt kommen wir auch plangemäß auf dem Parkplatz an, allerdings muß sich da noch jemand mit den leicht debil grienenden Italienern rumärgern, die da keck verlangen, die anderen sollten doch Platz machen.
Die Fahrt nach Venedig gestaltete sich höchst normal, lediglich die elende Warterei konnte mancher nicht ertragen. Dies galt besonders für die, die sich zuvor gedacht haben, daß es ja sicher dort irgendwo ein Klo gäbe.
Zu Venedig sei vor allem noch gesagt, daß, wenn das Prospekt sagt: “Anlegen am Markusplatz.”, durchaus nicht Anlegen am Markusplatz gemeint ist. Subjektiv empfunden waren es mindestens 1000 Meter bis zu selbigem.
Lange Rede, kurzer Sinn: 18.30 sollten wir gefälligst an den Säulen am Markusplatz sein. Wer den Platz kennt, weiß wieviele tausend Säulen da stehen, aber irgendwie trafen wir uns dann hinterher doch.
In kleinen Grüppchen latschten wir also, vom nun als solches erkenntlichen Wachkoma gezeichnet, durch die engen Gassen. Hier mal fix eine Pizza einwerfen, abwaschen und weiter. Fotoshooting für die, die das hier zum ersten Mal sehen. Hin und wieder ein herzhaftes Stronzo, um dem müden Geist mit allerlei Lachkrämpfen zu erfrischen. Ich weiß nicht, warum mir das erst hier auffiel, aber rein von der menschlich–feminin-plastischen Seite her hatte Italien was. Man kam mit dem sich umdrehen fast nicht hinterher. Irgendwie haben wir uns dann durch das Gedränge gewurschtelt, sind von einige Mafiosi belehrt wurden, das DIESE Gasse nicht zu betreten sei, sind erneut auf zig Millionen Fotos geraten und haben sogar die Rialtobrücke gesehen. Gemessen an den Umwegen die wir gewatschelt sind eine Meisterleistung. Dort habe ich sogar ein Wunder vollbracht, das in Tausend Jahren keiner nachmachen wird. Ich habe von der Rialtobrücke (!) in den Trichter (!!) eines sich drehenden Betonmischers (!!!) gespuckt. Tata. Tusch. Danke, Danke. Autogramme gibt’s später. Nach dieser kolossalen Erfahrung und den Würdigungen der Passanten begaben wir uns weiter ins Hinterland, nur um festzustellen was man vorher schon wußte: Alles sieht gleich aus, und jedes Schild mit der Aufschrift “WC” führt über den Markusplatz zu einer Säule (!!!).
Nun ging die Uhr auf halb 6 zu, und wir machten uns auf, den Markusplatz explizit und unwiderruflich für das Schiller-Gymnasium zu annektieren. Wir also wie die kaputten Tauben gejagt, geschaut wie sich Japaner auf Fotos zum Klopps machen (genau wie in den einschlägigen Filmen) und schließlich doch irgendwie die Zeit um die Runden gebracht. Als dann ein Drittel wieder beisammen war, stand noch der für Touristen selbstverständliche Knipstermin auf Baulatten auf dem PalmTop. Erst wollte Daniel ein Foto knipsen, dann noch der, und die, und jener, und dieser, und die dort, und die da, und als dann ein paar-und-zwanzig Bilder geschoßen waren, kam auch schon der Rest angemurkelt. Stefan K konnten wir noch dazu überreden, einmal aus vollem Leib “Venezia” (das Parfum aus der Werbung) zu Brüllen. Alle haben geschaut, die Lehrer sich geschämt und wir tierisch abgejolt.
Schließlich und endlich kamen wir 5 vor halb am Bootssteg an, wo das Boot schon wartete. Also rein und ab. HäHä. Denkste! Nix mitfahren. Zu spät. Zu voll. Zu irgendwas. Hier warten. Kommen (auf die Uhr schauend) zwanzig Minuten. Ok? - Ok, muß ja. Also haben wir die nächste Stunde damit verbracht, über andere zu lachen, rumzublödeln und all das zu tun, was man in der nicht-deutschen (in der deutschen freilich auch nicht) Öffentlichkeit eben genau nicht tut. Das reichte von sexueller Provokation bis “Geh‘ doch mal Baden”. Auch für die Suche nach Mülltonnen für die Nacht legten wir uns Schlachtpläne bereit. Nach minimal 45 Minuten (so genau weiß das keiner) durften wir endlich an Bord eines anderen Dampfers, was uns die Kosten für die Hinfahrt ersparte. Jetzt bekamen wir den ersten und letzten Anschiß vom Fahrer, der meinte nämlich, daß man, wenn der Bus steht, nicht auf’s Lokus darf. Nachdem die Mädels also zwangsläufig um 500 Lire betteln mußten und wir Jungens uns das Meer betrachtet hatten, gingen ziemlich genau um 20 Uhr die Bustüren hinter uns zu. Kurze Zeit später, die Anekdote muß noch sein, äußerte Ivo (neben Susann sitzend), daß seine Blase drücke. Ob er denn mal das bus-interne Luxusklo benutzen dürfte. Die unüberhörbare Antwort lautete: “Na dann geh‘ halt, hast die Hose ja eh schon offen.”
Ratzepüh.
Hin und wieder halten wir. Alle 4 bis 5 Stunden. Irgendwann gegen Mitternacht nochmal vor dem Brenner. Schnell alle Lire ausgeben, die man eventuell noch hat. Zuvor noch einige tierisch gemeine Sachen gemacht, etwa Schnürsenkel zweckentfremdet. Der Fehler war nur, besagte Streiche an Leuten zu machen, die nach dieser Nacht insgesamt maximal 34 Stunden geschlafen hatten. Alles inklusive mit allen Nächten im Hotel, Bus oder sonstwo. Nun gab es zwei Geächtete, die es (alle Welt soll es wissen) aber ohne zu zögern noch einmal machen würden.
Film guck. “Ohne Ausweg”. Warum zum Henker habe ich nicht ein ordentliches Video mitgenommen. Zum Beispiel Achim Menzel beim Schunkelwettstreit in Tibet. Nächstes Mal. Ach nein. Es wird ja aller Voraussicht kein nach nächstes Mal geben. Die erste Melancholie macht sich erfolgreich bei mir breit. Aber ich schätze, das Problem hatten viele.
Rast. Irgendwer hat mich geweckt. Wir sind angeblich irgendwo bei München. Raus aus dem Bus. Wasser kann man trinken, man kann es aber auch lassen. Ich komme zurück, und der Bus ist weg. Krietsch. Einige Meter weiter, die mir in der Nacht wie Meilen vorkommen, steht die Höllenmaschine. Mal war es zu warm, dann zu kalt. Aber hier draußen ist es furchtbar. Hier ist sich jeder selbst der nächste. Man ist versuch, ein Reh zu schlachten und sich in dessen Eingeweiden zu wärmen (Zugeständnis an Star Wars Freaks). Ja, man hätte freilich in die beschauliche Raststättenkneipe gehen können. Aber: “Sind wir etwa Mädchen?” Man kuschelt sich am Auspuffrohr. Dann, nach einer Unendlichkeit von Zittern und Gezittert werdens, kommt Monsieur “Euch is wohl kalt?” daher. Trampelnderweise wecken wir den armen Tim, der es irgendwie geschafft hat, im Bus zu bleiben.
Es geht weiter. Seltsamer Weise gab es nun ein Massenblackout, die Ufos sind wohl allgegenwärtig. Um 7 Uhr früh standen wir bei Hof. Im Kuhkaff. Bei McDonalds. Um 7 soll der aufmachen. Macht’s aber erst eine Stunde später. Drum nur noch rasch den Fahrer ausgetauscht, der will nämlich demnächst nach Slowenien, wo der Stoff am Billigsten ist. Soll er mal. Hat er sich irgendwie verdient. So eine Truppe von Chaoten eine Woche lang zu begleiten. Und die Lehrer. Wahrscheinlich hat er sich gedacht, was unser Ex-Bundesberti mal bei der WM über einen Schiri geäußert hatte. Über Lehrer sag‘ ich nichts, und über die hier gleich gar nichts. Welch Ironie, als er vom Olf (darf ich hier Olf schreiben, Hr. Prischmann?) einen Stadtplan von Rimini überreicht bekam. Ich persönlich bin allerdings der Ansicht, daß er den besser behalten hätte. Oder zumindest dem Herrn Hoffmann hätte geben sollen. Aber was habe ich hier schon zu melden?
Der Neue nun karrte uns noch bis zur Schule. Über Stock und Stein. Manch einer schlummerte nochmal, ich nicht so richtig. Man gerät ins Nachdenken. Über dieses, über jenes. Schließlich aber, wie genau wir heim kommen. Sicher wartet schon die ganze Schule mit weinerlichen Gesichtern und mit tränenerstickten Stimmen die Melodie von “Far Far Away” schluchzend auf uns. Also den Kürzesten Weg nehmen, oder den schnellsten. Der Teil der Crew, der noch unter 25 Jahren alt war, hielt mehrheitlich den Weg über die A 14 und Radefeld bzw. Neue Messe (das ließen wir offen) für den besten. Jene, welche die magische 25-Jahr Grenze schon lange überschritten hatten, wollten über Schkeuditz, weil A 14 gebaut werde und es immer Rückstaus gäbe. Demokratie hin, Demokratie her (Danke, Fr. Dr. Kühne), wer am längeren Hebel saß, kann man sich denken. Bei Schülern würde man sagen “Dumm hat Schwein”, weil es aber Lehrer sind war es, natürlich, die Erfahrung: An diesem Tage wurde die A 14 noch wegen Bauarbeiten total gesperrt.
Knapp 8.45 Uhr standen dann alle glücklich und gesund, von den Strapazen einer Abschlußfahrt gezeichnet, aber um Erfahrungen, Erlebnisse und sonstwas reicher vor dem meistgehaßten Haus der Umgebung. Wir verabschiedeten uns. Die Londoner waren schon etwas länger da. Auf die Frage, wie es war, kam der Sprechchor (es waren nur noch 3 da): “Toll!” Aber überzeugen konnte der nicht. In Gedanken war sicher jeder noch in den bezaubernden Gassen von San Marino, Assisi und Venedig. Oder schon daheim im Bett.
Zwar war die Wahl schon am Montag früh getroffen, doch jetzt, wo ich mit diesen Zeilen zum Ende komme, ist die Wahrhaftigkeit der Aussage so klar wie nie zuvor. Ja, es war die Beste Fahrt die wir zu Schulzeiten je hatten. Ja, wenn man nochmal könnte, man würde es nochmal machen. Und ja: Man wird bestimmt nichts von all dem vergessen!